
Morgen, morgen, nur nicht heute... Hat wirklich irgendjemand dran geglaubt, dass der nächste Blogeintrag wie angekündigt 1 Tag nach dem letzten erfolgen würde? Naja, den Versuch war es wert :-) Gerade bin ich in Pondicherry, kurz vor Aufbruch zu meiner vorerst letzten Station in Südindien: Mamallapuram. Eigentlich sollte die Überschrift ja "Bangalore, Mysore, Ooty, Fort Kochi, Varkala Beach, Kanniyakumari, Madurai, Trichy, Pondicherry, Mamallapuram" lauten, aber um die Synapsen nicht zu überfordern, die Vereinfachung. Wie sicher jedem klar ist, kann ich natürlich nicht in aller Ausführlichkeit schreiben, was in den letzten 3 Wochen passiert ist, weil a) ich sonst noch morgen hier sitzen würde und b) ihr wahrscheinlich nach zwei Absätzen aufhören würdet zu lesen... Daher nun meine letzten Stationen im
KurzMittellang-Resümee:
Bengaluru aka. Bangalore aka. IT-City

Von Hampi ging es über Nacht mit dem Sleeper-Bus in einer richtigen Schlafkabine nach Bangalore, der offiziell modernsten Stadt des Landes und sozusagen Prozessor des Computer-Indiens. Optisch hat die Stadt nicht wirklich viel zu bieten, dafür reizt sie die überwiegenden Business-Besucher und deren Geldbörsen mit Filialen aller großen westlichen Einkaufsläden, Fastfoodketten und Bars an jeder Ecke. Die Menschen hier sind auch nicht mit dem Rest der Bevölkerung zu vergleichen. Mädels in Tops und Miniröcken, Kerle mit Polohemden und überdimensionierten Sonnenbrillen. Könnte auch irgendwo in Europa sein. Beim Rumstreunen durch die Stadt hab ich Karim kennengelernt, Businessmensch aus London, der gerade geschäftlich für seine Firma hier unterwegs war. Da gerade Wochenende war, sind wir dann zusammen umhergezogen und an der nächsten Ecke direkt in eine Horde junger Inder geraten, die uns gleich mit in eine Bar geschleppt haben. Es war Cricket-World-Cup-Finale. Statt Drogenlassis gab es diesmal richtiges Bier (und zwar in 5-Liter-Zapfsäulen) und den ersten World-Cup-Sieg seit 1983. Und die Meute spielt verrückt. Mit Worten kann man gar nicht beschreiben, wie die Leute abgegangen sind: Autokorsos, Hupkonzerte, Umarmungsorgien und eine ins Unermessliche gesteigerte Blitzlichtaffinitiät - ein Leben für die Kamera!

Am nächsten Tag war dann Sightseeing mit Karim angesagt. Interessant zu beobachten war unser unterschiedlicher Umgang mit Geld. Ich, immer schön Budget, mit jedem Rickscha-Fahrer ewig verhandeln; und er, Scheinchen hier, Scheinchen da... So kam es dann auch, dass er für den Tag ein Auto mit Chauffeur gemietet hatte und wir bequem von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten kutschiert wurden. Im Gegenzug hab ich ihn dann auf ein Eis eingeladen :-)
Mysore

Da ein Wochenende in Bangalore für meinen Geschmack auch genug war, ging es am Montag mit Caroline aus Frankreich im Bus weiter nach Mysore, der ehemaligen Hauptstadt des Mysore-Königreichs mit ihrem riesigen, prunkvollen Maharaja-Palast, ausgeprägtem Seiden- und Sandelholz-Handel sowie Duft- und Räucherstäbchenproduktion. Als wir vor verschlossenem Palasttor standen, obwohl dieser laut Reiseführer durchgehend geöffnet sein sollte, hat uns ein junger Inder erklärt, dass gerade Mittagspause sei und vorgeschlagen, dass wir uns doch derweil den alten Markt anschauen könnten. Zu unserer Überraschung sprach er ein paar Worte Französisch und Deutsch und konnte sogar "Räucherstäbchen" fast akzentfrei aussprechen. Auf seine Bemerkung hin, dass er kein Guide sei und auch kein Geld wolle, meinte er wir könnten uns doch die berühmte Duftproduktion in einem Shop um die Ecke anschauen. Dort verschwand er "nach Hause" und im Laden wurden wir sofort vom Boss und einer Broschüre in mehreren Sprachen empfangen und mit Tausenden Düften einbalsamiert.
StinkendDuftend wie eine alte Dame, die es zu gut mit ihrem Eau de Toilette gemeint hat, liefen wir wieder raus und zufällig unserem Inder in die Arme der uns noch bis zur nächsten Ecke begleitet hat, wo wir direkt vom nächsten angesprochen wurden, der uns die staatliche Seidenproduktion zeigen wollte. Spätestens jetzt dämmerte uns, dass wir in ein professionelles Touri-Schlepper-Netz geraten sind. Zurück am Palast wollte uns wieder jemand weis machen, dass immer noch Mittagspause sei und ob wir uns nicht stattdessen die Duftproduktion anschauen wollen. Déjà-vu! Am anderen Eingang hatten wir dann Erfolg. Zum Sonnenuntergang sind wir dann auf den Chamundi Hill mit dem gleichnamigen Tempel gefahren um einen Panoramablick über die Region zu erhaschen und uns im Anschluss erneut den diesmal jedoch von 50.000 Glühbirnen erleuchteten Palast anzuschauen. Wahnsinn!
Ooty Hillstation

Wahnsinn war auch die Busfahrt nach Ooty, einem von den Briten erbauten Bergkurort mitsamt künstlichem See in den indischen Ghats auf 2200m Höhe. Der zwar bequeme "Ultra Deluxe"-Bus hatte auf halber Strecke einen Platten, wir wurden vom regulären Bus (der eine Stunde später gestartet ist) überholt, hatten später einen kurzen Motorschaden, meine Sonnenbrille hat's zerlegt, der Sonnencreme wurde es in meinem Rucksack in ihrer Flasche zu eng und gekrönt wurde die Fahrt von einem herzhaften Furz des Fahrkahrtenkontrolleurs direkt vor unseren Nasen (Furzen, Rülpsen, Rotzen und am Gemächt kratzen sind in Indien gängige Praktiken, die völlig öffentlichkeitstauglich sind).
Angekommen, war der erste Eindruck: Kälte! Das erste Mal seit Wochen Temperaturen weit unter 30 Grad. Das erste Mal Jeans, Pullover und nachts im Schlafsack. Ein Traum! Der Ort selbst, in meiner Vorstellung ein kleines, beschauliches Dorf, hatte in Realität aber 100.000 Einwohner und wirkte eher wie eine Industriestadt als ein Kurort. Dafür gab es an allen Ecken selbstgemachte Schokolade, ein Geschäft, das bei der Hitze im Tiefland wohl nicht denkbar wäre. Lecker! Die Umgebung und die berühmten Teeberge haben wir uns am nächsten Tag mit einer Minibustour gegeben. War okay.
Weiter ging es mit der berühmten schmalspurigen
Blue Mountain Railway und original Dampflok durch eine traumhafte Berglandschaft in Richtung Richtung Kochi.
Fort Kochi

Diese Hafenstadt, mit ihrer ehemaligen portugisischen Festung als Touristenzentrum, hat uns vor allem durch ihre ernstzunehmende europäische Cuisine, dem frischen Seafood und dem genialen frischgepressten Mangosaft an der Uferpromenade in den Bann gezogen. Aber auch die chinesischen Fischernetze und die
Kathakali-Aufführung waren beeindruckend. Letztere ist ein für die Region typischer Tanz, der mit bunt bemalten und aufwendig gekleideten Akteuren die aus der Geschichte des Hinduismus erzählt. Im Original mit einer cricketähnlichen Aufführungsdauer von mehreren Stunden, gab es für uns Touris eine zweistündige Kurzaufführung inklusive Schminkzeremonie um unsere zarten Aufmerksamkeitsspannen auch ja nicht zu überfordern.
Von Kochi aus sind wir dann in die berühmten
Kerala Backwaters eingetaucht. Unser recht kompetenter Guide hat uns dann erstmal eine Einführung in die lokale Pflanzenwelt gegeben: neben verschieden anderen lokalen Gewächsen gab es Cashew(nuss)-, Kakao-, Muskat-, Curry-, Zimt-, Eukalyptus-, Hibiskus-, Pfeffer- und Ananassträucher und -bäume zu sehen, die ich wahrscheinlich nie als solche erkannt hätte.

Mit dem Kanu wurden wir dann in die ganz kleinen Seitenkanäle geschippert, die von beiden Seiten mit einer üppigen Flora überwuchert waren. Es gibt sogar mehrtägige Hausboottouren durch die Backwaters, aber mir sollte ein kurzer Einblick an dieser Stelle reichen.
Da die Hitze in der Stadt trotz des Meeres und des leckeren Essens unerträglich wurden, bin ich dann wieder allein auf mich gestellt, mit dem Zug in der 3. Klasse nach Varkala. Was ein Gaudi! Mit meinem Riesen-Rucksack in das völlig verstopfte Sitzabteil, in dem die Leute schon auf dem Boden sitzen und stolz einen Stehplatz im Gang erkämpft. Leider ohne zu bedenken, dass alle 30 Sekunden ein Tee-, Kaffee- oder Snackverkäufer mit riesigen Kübeln und Tabletts meinen Weg kreuzen würden... Aber einmal muss man das gemacht haben :-)
Varkala

Nach 2 Wochen nur auf Achse war Varkala dann der Ort zum Entspannen. Bilderbuch-Strand, rote Klippen, nettes Guest House mit coolen Leuten, einfach mal nichts tun. Abhängen und Kochen mit Aurelien (einem Franzosen, der 6 Monate in den französischen Alpen arbeiten und den Rest des Jahres hier seinem Hobby Paragliden frönt) und anderen Travellern. Besuch einer 16km entfernten Elefantenfarm zu der wir 35km fahren mussten (frag niemals nur einen Inder nach dem Weg) um festzustellen, dass alle Elefanten zu Tempelfestivitäten ausgeflogen sind. Auf den Klippen mit den Fischadlern auf Augenhöhe sitzen. Maria aus Kolumbien kennenlernen, mit der ich dann ausgezogen bin, den südlichsten Zipfel des indischen Subkontinents zu erobern.
Kanyakumari

Der Ort an dem drei Ozeane aufeinandertreffen, man sowohl Sonnenauf- als auch -untergang beobachten kann und wo Ghandis Asche ins Meer gestreut wurde, ist ein Pilgerort für Hindus aus dem ganzen Land, die hier in die heiligen Gewässer eintauchen um sich den Segen der Götter zu holen. Da gerade Schulferien sind, war die Stadt überbevölkert mit indischen Familien und wir sind am nächsten Tag auch gleich weiter.
Madurai

Getreu dem Motto "Erwarte das Unerwartete" hat es uns in Madurai voll erwischt. Es war gerade der Höhepunkt des wichtigsten mehrtägigen Festivals im lokalen, mehrere Fußballfelder großen Meenakshi-Tempel, welches die Hochzeit zweier indischer Götter zelebriert. Shiva und Meenakshi, wer es genau wissen will. Wir sind genau zu den Vorbereitungen am Vorabend angekommen um uns das komplett mit Blumen ausgeschmückte Innere des Tempels anschauen zu können. Es fanden abends auch noch mehrere Prozessionen statt und die tanzenden Kinder waren total auf meine Kamera fixiert, sodass ich den Finger kaum vom Auslöser nehmen durfte. Das eigentliche Hauptevent am nächsten Tag haben wir uns aufgrund der schieren Menschenmassen dann aber doch geschenkt und haben uns lieber einen Überblick über die riesige Anlage vom Dach eines Tourishops verschafft.
Trichy

Eigentlich nur ein unbedeutender Zwischenstop auf dem Weg nach Pondicherry, hielt diese Stadt die besten Mangos bereit, die ich je gegessen habe! Neben einer übertriebenen Obstvöllerei gab es hier eine weitere riesige Tempelanlage und eine Festungsanlage auf einem steilen Felsen, der wie in die Stadt hineingeworfen aussah. Auch bin ich das erste Mal so richtig mit dem indischen Policy-Denken konfrontiert worden. Auf der Suche nach einem WLAN, um mit Maria-aus-Kolumbiens Laptop mit Sarah zu skypen, bin ich in die großen Hotels rein, die eins hatten. Da ich jedoch nicht im Hotel ansässig war, haben die 5! Rezeptionisten sofort abgeblockt. Ich war bereit, die Gebühren zu zahlen, meinen Pass zu hinterlegen und meinetwegen auch was zu trinken zu bestellen, wenn sie mich doch nur das Interet nutzen ließen. Geht nicht - Richtlinie. Als es auf die Nette nicht klappte und ich den Manager sprechen wollte, kam nur die lapidare Bemerkung, dass dieser bereits zu Hause sei und ab dann wurde ich komplett ignoriert. Policy, Policy... was gegen die Richtlinie verstößt, geht nicht. Und gleich 5 Leute zu bestechen war mir dann doch zu teuer.
Pondicherry
Weiter ging es in Pondicherry mit einem Hotelrauswurf. Müde von der 6-stündigen Busfahrt und genervt von der bisher erfolglosen Unterkunftssuche (es sind Ferien) hatten wir dann endlich was gefunden. Der Rezeptionist legte uns den obligatorisch auszufüllenden Wisch mit Name, Pass- und Visanummern, Heimatadresse, Schuhgröße, Hüftumfang etc. vor und fuchtelte während wir artig schrieben immer mit dem Finger auf dem Blatt rum, was wir denn als nächstes ausfüllen sollten. Sichtlich genervt, meinte Maria dann mit kolumbianischem Temperament, dass wir dass schon allein könnten und er sich doch bitte entspannen möge.

Daraufhin wurden wir gebeten, das Hotel zu verlassen. Geil! Kundschaft? Egal. Vielleicht hätte ich ihm noch die
Definition Ghandis zum Thema Dienstleistung vortragen sollen. Das klimatisierte Zimmer mit Seeblick im nächstbesten Hotel, zu dem mich Maria dann eingeladen hat, und das Abendbrot mit authentischen französischen Backwaren konnten jedoch Linderung verschaffen.
Kulinarisch konnte die ehemalige Hauptstadt Französisch-Indiens mit jungem Gouda, knackigen Baguettes, leckeren Torten und fluffigen Croissants durchaus mein Herz gewinnen, aber der Rest konnte mich nicht wirklich überzeugen. Auch der geführte Ausflug ins utopische Wohnexperiment
Auroville war weniger beeindruckend als erhofft, da es statt einem Austausch mit den Bewohnern nur ein Informationszentrum und die Maritmandir, die goldene Kugel im Zentrum des Dorfes zu sehen gab.
Mamallapuram

Bevor ich nun meinen Weg in den Norden antrete, habe ich noch Zwischenquartier im beschaulichen Mamallapuram bezogen, wo ich mir nun überlege, wie es weitergeht. Maria hat sich bereits per Flugzeug in den Norden verabschiedet, dafür hat zufällig Rasta-Max aus Österreich direkt im Zimmer neben mir eingecheckt. Morgen wird mit dem Roller (yeah!) die nahegelegene Krokodilfarm ausgecheckt und danach die Hängematte bezogen.
So, jetzt reichts aber!
Der nächste Eintrag kommt entweder früher oder nicht ganz so umfangreich. VERSPROCHEN! Und jetzt lehnt euch zurück, denn ihr habt diesen elendig langen Text endlich fertiggelesen (oder heimlich runtergescrollt) und machts gut!
Chris
Man kriegt sofort Fernweh, mein Guter!
AntwortenLöschenHi Großer, wieder mal sehr interessante Berichte, die wir mit viel Spaß gelesen haben (eigentlich hat Andrea alles vorgelesen). Es macht immer wieder Freude auch die tollen Fotos anzuschauen - für das nächste Osterfest kannst du ja von den tollen Farben ein paar Muster mitbringen.
AntwortenLöschenDas wird ja immer professioneller! Man merkt, der Verfasser befindet sich in einer Softwarehochburg!
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